Pfarrer aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau schreiben hier über ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen aus dem Libanon. Sie halten sich dort vom 24. September bis 17. Dezember 2007 im Rahmen ihres Studienaufenthaltes an der Near East School of Theology in Beirut auf.

Besuch im Palästinenserlager

(So, 28.10.2007) Auch unsere 5. Woche hier war vollgepackt mit Eindrücken. Nach der Rundreise mit unseren Familien, von der ich zuletzt berichtet hatte, ging es nun auch darum, wieder im Studium up to date zu kommen und Lektüre nachzuholen. Aber Studium ist in Beirut aber nicht nur theoretisch und so haben wir z. B. gemeinsam mit unserem Islam-Dozenten, Dr. Jon Hoover am Samstag letzter Woche 3 verschiedene Moscheen im Zentrum Beiruts besucht. Erzählen aber will ich heute von einem anderen, tiefen Eindruck am gestrigen Tag: dem Besuch in einem Palästinenserlager.   

Langwierige Einlassprozedur

Nach der Taxi-Fahrt in die Stadt Saida, ca. 30 km südlich von Beirut, holt uns am dortigen Busbahnhof  - wo wir von einem mobilen Kaffeeverkäufer, der lange in Bad Salzuflen gelebt hat, gleich auf Deutsch begrüßt und bedient werden – die Schweizer Sozialarbeiterin Kathi Rotzer ab. Sie will uns heute das Lager Ain-al-Helwey zeigen. Doch schon das Hineingelangen gestaltet sich schwierig. Am Checkpoint der libanesischen Armee am Eingang zum Lager dauert es über 1 Stunde,  bis wir durchgelassen werden, obwohl wir seit Tagen angemeldet sind und Kopien unseres Pässe sowie Passbilder hinterlegen hatten lassen. Ob es Schikane ist, Faulheit oder einfach schlechte Organisation – jedenfalls hat der libanesische Staat wenig Interesse daran, dass Fremde das Lager kennenlernen.

Hintergrund

Ain-al-Helwey ist mit ca. 80.000 Bewohnern (die offizielle Registrierung ist schwierig) auf nicht mehr als 2 Quadratkilometern das größte der insgesamt 12 Palästinenser-Lager im Land (mit insgesamt ca. 400.000 Bewohnern, dies wären ca. 10% der libanesischen Inlandsbevölkerung). Es entstand 1948 mit dem Zuzug von aus Israel geflohenen Palästinensern (zunächst ordentlich registriert), die zweite große Welle (kaum registriert) kam 1967 infolge des sog,. „6 Tage-Krieges“.

Konflikte, Gewalt und Arbeitslosigkeit

Inzwischen leben also bis zu 4 Generationen im Lager unter einfachsten Bedingungen - mit den entsprechenden familiären und sozialen Verwerfungen: Konflikte zwischen Jüngeren und Älteren (die inzwischen auch mal allein zurückgelassen werden); immer häufiger getrennte, im Durchschnitt ca. 6-8-köpfige Familien; Arbeitslosigkeit; Jugendgewalt, psychosomatische  Erkrankungen. Die Jüngeren und Stärkeren verlassen zunehmend das Lager (um sich illegal „draußen“ durchzuschlagen), ärmere Libanesen – die sich das Leben „draußen“ nicht mehr leisten können – kommen hinein.

Für die innere Sicherheit sorgen die Palästinenser selbst

Wir sind ca. 4 Stunden im Lager und nehmen - soweit möglich - dies alles nun vor Ort wahr. Zu den internen Problemen kommt die Sicherheitslage hinzu: die libanesische Armee kontrolliert zwar die Lager von außen, überlasst die innere Ordnung aber den palästinensischen Security-Gruppen. So kommt es z.B., dass unmittelbar hinter dem Checkpoint ein höchstens 17-jähriger Palästinenser mit einer Maschinenpistole herum fummelt. Es bildet sich hier fast 60 Jahre nach der Gründung des Staates Israel der Nahost-Konflikt im Kleinen ab:

Freund und Feind

Im Lager – wo wir nur an ganz bestimmten Stellen fotografieren dürfen - hängen Poster von Jassir Arafat, dem ehemaligen Palästinenser-Präsidenten, neben denen von Saddam Hussein bzw. Vater und Sohn Assad (dem ehemaligen und dem jetzigen syrischen Präsidenten) – dies sind die Protagonisten der palästinensischen Sache und Israel bzw. die USA deren Gegner. In diesem Szenario kommt Deutschland übrigens gut weg und wir persönlich werden mit freundlicher Neugier behandelt.

Islamisten untergetaucht

Von außen her wird dieses wie die anderen Lager auch als quasi exterritoriales Sicherheitsproblem gesehen. Tatsächlich sind nach der militärischen Erstürmung des Camps Nahr al-Bared im Norden des Landes Anfang September auch einige Islamisten von dort hier untergetaucht und versuchen,  mit Geschenken vor allem unter der Jugend zu agitieren.

Perspektivloser Status

Das eigentliche Risiko für die Menschen hier aber ist die bedrückende und perspektivlose Lage: die Palästinenser im Lager (im Unterschied etwa zu denen oft als Jordanier registrierten der Westbank) haben keine eigene Staatsangehörigkeit, sondern nur einen Flüchtlingsstatus und nur ein provisorisches „Reisedokument“. Sie dürfen im Libanon keinen (Wohn-)Besitz erwerben und  haben sich inzwischen in diesem Zustand eingerichtet. (Dies ist auch an den längst festen, zum Teil mehrstöckigen Häusern ablesbar, welche die Zelte, Baracken oder mit Wellblech gedeckten Hütten der ersten Zeit schon seit vielen Jahren abgelöst haben). Psychologisch gesehen, darf man ihnen das Recht auf Rückkehr als Heimatvertriebene nicht absprechen oder nehmen (s. die entsprechenden UN-Resolutionen), zugleich wissen die meisten aber längst, dass eben nicht nur Israel, sondern auch die in dieser Hinsicht ganz egoistischen arabischen „Bruderländer“ jenseits aller Beteuerungen kein Interesse an der Gründung eines eigenständigen Staates Palästina haben. Eine Heimat, in die man zurückkehren könnte, ist also nach menschlichem Ermessen gar nicht vorhanden.

Die Lebensgrundlage

So versucht man mit Kleinstgewerbe, der Mitarbeit der ganzen Familie für das Einkommen – incl. der Kinder, zuweilen leider statt der Schule -, Zahlungen von Verwandten aus dem Libanon oder dem Ausland und Hilfsleistungen der UNRAME (United Nations Refuge Aid for the Middle East) bzw. von NGO´s  irgendwie zurechtzukommen   Gerade die internationalen Hilfsleistungen wurden nach dem 11.September 2001 aber reduziert, die Menschen tragen also die Folgen der fatalen Gleichung Palästinenser = Muslim = (potentieller) Terrorist in ihrem Alltag. Hinzu kommt, dass die Aufmerksamkeit des Westens für den Nahen Osten momentan stark vom Irak gebunden ist und man in Europa z. B. nicht immer wahrgenommen hat, dass im letzt jährigen „Sommerkrieg“ Israel natürlich auch Palästinenserlager beschossen hat.               
Wir schauen – vor einem Rundgang durch einige Gassen des Lagers – uns im Wesentlichen 2 Projekte an, die Kathi uns zeigt:

Schulische Hilfe für Kinder

Schulzentrum im Palästinenserlager

Das seit 1999 von der NGO „Human Call“ ins Leben gerufene „Social Solidarity Center“, eine Art kleiner Sonder-Schule, wo von insgesamt 6 sozialpädagogisch geschulten Frauen in 3 Gruppen  Kinder aus dem Lager im Alter zwischen 7 und 14 Jahren von 8.00 bis 12.30 Uhr unterrichtet werden. Einen Kindergarten gibt es leider (noch) nicht. Hauptzielgruppe dieser Arbeit sind sozial schwache, psychisch geschädigte Kinder, oft nicht registriert oder aus zerbrochenen Familien. Es geht nur am Rand um die üblichen Fächer, im Mittelpunkt steht Hausaufgabenhilfe, soziales Lernen, Spiel, Kunst, der Aufbau einer einigermaßen stabilen Persönlichkeit und die Beratung der Eltern. Eigentlich konnten gerade die ohnehin unbeliebten libanesischen Regelschulen –wohin außerhalb des Camps die sonstigen Schüler gehen müssen - von diesem Ansatz  viel lernen.

Freude über ein neugeborenes Mädchen im Krankenhaus

Das ebenfalls von „Human Call“ und anderen Initiativen getragene einzige Krankenhaus des Camps, das rund um die Uhr Dienst macht und Mithilfe von – für einen Sondertarif arbeitenden - Ärzten aus der Umgebung, die fallweise hierherkommen, sich einen kompetenten und günstigen Ruf erworben hat. Zuweilen deswegen kommen sogar Patienten von „außen“  hierher.  Schwerpunkte sind Ambulanz, Orthopädie und kleinere chirurgische Eingriffe, neurologische Behandlungen und – Entbindungen. Und so ist es vielleicht ein kleines Hoffnungszeichen, das wir am Ende unser Rundgangs durch das kleine Hospital durch die Scheiben des winzigen Kreißsaals ein ebenso winziges, vor wenigen Stunden  neugeborenes Mädchen sehen und dann auf dem Flur uns die stolze Großmutter mit Süßigkeiten an ihrer Freude teilhaben lässt. Was immer der nächste Tag bringen mag, heute wird Gott gelobt für dieses neue Leben – Hamdulillah!

Es grüßt aus Beirut
Pfarrer Bernd Apel

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