„Halbzeit“ in Beirut – oder: wo fange ich an zu erzählen?
(Beirut, 4. November 2007)
Liebe Freunde, liebe Gemeindemitglieder, liebe Interessierte!
Ich grüße Sie und euch ganz, ganz herzlich aus Beirut. Wir haben immer noch über 20 Grad und zumeist wolkenlos blauen Himmel. So schön das Wetter, so bereichernd auch mein Aufenthalt im Nahen Osten. Die Zeit vergeht wie im Fluge – aber das ist auch nicht ungewöhnlich bei so vielen verschiedenen Eindrücken auf den unterschiedlichsten Ebenen. Am 3. November war die Hälfte meines Studienurlaubes vorüber.
Gemeinsam beschlossen wir (meine vier Studienkollegen und ich), dieses „Bergfest“ in Damaskus in Syrien zu verbringen. Und so saßen wir am Freitagabend in einem der feineren Lokale im christlichen Viertel in Damaskus und ließen es uns bei einem üppigen Mahl gut gehen (wieder mit viel Mezze, den verschiedenen arabischen Vorspeisen, dazu leckere Hühnchen und Fisch, gutem Wein und zum Schluss natürlich einen Arrak oder einen arabischen Kaffee).
Nicht mediengemachten Vorurteilen aufsitzen
Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen. Die Eindrücke sind so vielfältig, dass es für mich gar nicht einfach ist, sie zu ordnen. Das wichtigste zuerst: ich fühle mich sehr wohl und es ist alles andere als gefährlich. Das, was die Medien berichten, stimmt mit der alltäglichen Situation vor Ort nicht überein. Im Gegenteil, gerade westliche Medien (man muss sich fragen, welche Interessen dahinter stehen!!) rücken den Libanon und Syrien wie den gesamten Nahen und Mittleren Osten in ein schlechtes Licht.
Meiner Einschätzung nach sind wir zu sehr an Sensationen interessiert, wollen stets nur wissen, wo es geknallt hat und halten den Nahen und Mittleren Osten sowieso nur für ein „Pulverfass“. Ich kann eben genau diese Sicht der Dinge vor Ort nicht bestätigen. Auto offen lassen? Haustür nicht abschließen oder gar offen stehen lassen? Tasche ohne Aufsicht lassen? Kein Problem in Syrien! Die Diebstahlsquote ist so gering, dass sie nicht ´mal aufgeführt wird. Wir sehen keine Soldaten, das Leben läuft friedlich und entspannt ab – außer man sitzt im Auto, da hilft dann beim stets neu erlebten Fahrtstil vor allem der Taxifahrer nur noch beten. Aber wir haben es alle zumeinst fröhlich überlebt – sonst könnte ich ja auch nicht diese Zeilen schreiben … .
Auf engstem Raum Vielfalt an Landschaft, Menschen und Religion
Von der Landschaft habe ich schon berichtet. Sie ist so vielfältig und bunt wie die Menschen, die hier leben. Mittelmeer, Wellen und Strand, die Bergwelt des Libanon mit Gipfeln bis zu 3.000 Meter Höhe, die bizarren Zedern auf fast 2.000 Metern, die müllfreien schönen Naturschutzgebiete (sonst sind die Massen an Müll an den Straßenrändern und auf Wegen für mich wirklich eine Anfechtung – wie auch sonst in den Mittelmeerländern), die weite fruchtbare Bekaa – Ebene, Städte und Dörfer, Kirchen und Moscheen und schließlich - die Wüste!
In Syrien nun dürfen wir eintauchen in die Abgeschiedenheit eines Wüsten - Klosters, genießen die Stille, den Sonnenuntergang und am nächsten Morgen den Sonnenaufgang in der Wüste, die Messe. Die Wüste hat ihre eigene Spiritualität. Einen Tag haben wir auf unserer kleinen Reise Halt gemacht im syrisch-katholischen Kloster „Mar Mousa“, ca. 80 km nördlich von Damaskus. Auf 1320 Meter Höhe erleben wir Gastfreundschaft, feiern ein gemeinsames Abendmahl (!) und erfahren einiges über die Frömmigkeit der Mönche und Nonnen und ihre Berufung zum christlich – muslimischen Dialog im Land (ich werde über deren beeindruckende Arbeit an anderer Stelle noch ausführlicher berichten).
Gastfreundschaft, die den einzelnen sieht und nicht verallgemeinert
Ich erlebe wieder einmal, wie großherzig die arabische Gastfreundschaft sein kann. Ob Muslime oder Christen, sie begegnen uns mit einer Offenheit, die angesichts der politischen Lage für mich nicht selbstverständlich ist. Denn die europäischen Mächte, allen voran Frankreich und England, haben durch die Kolonisation und ihre imperialistische Politik die ganze Region verändert. An den Folgen der willkürlich am Schreibtisch über alle gewachsenen Gebietszusammenhänge gezogenen Grenzen leiden die Menschen im Mittleren Osten bis heute. Dass die ausreichende Versorgung mit Öl das Hauptinteresse der westlichen Politik ist, zeigt nicht zuletzt der von den USA begonnene und jetzt schon verlorene Irakkrieg, an dem ja auch Europa mit beteiligt war und (noch) ist.
Es tut gut, nicht einfach in einen Topf zu „den Europäern“ geworfen zu werden. Da können wir im Umgang insbesondere mit Muslimen einiges lernen. Wie oft habe ich in Gesprächen in Deutschland schon gespürt, wie von „dem Islam“ und „den Muslimen“ die Rede ist und man dem anderen mit viel Skepsis, Zurückhaltung, manchmal sogar feindselig begegnet. Das erlebe ich weder im Libanon noch in Syrien. Ich werde nicht in Haftung genommen für europäische, westliche – oder nach Bush - „christliche“ Politik, wie es vielfach Muslimen in Deutschland ergeht, die sich zu Ereignissen in islamischen Ländern erklären sollen.
Damaskus – pulsierende orientalische Stadt
Frisch sind noch meine Einrücke aus Syrien. Neben dem Kloster „Mar Mousa“ haben wir vor Damaskus noch einen Abstecher zum Bergdorf Maalula gemacht. Dieser malerische Ort mit seinen ca. 3.000 Einwohnern gehört zu einem der wenigen Flecken unserer Erde, in noch aramäisch, die Sprache, die Jesus gesprochen hat, gepflegt wird.
Dann endlich – Damaskus. Metropole Syriens, alte Oase auf den Handelswegen, einer der ältesten dauerhaft besiedelten Städte der Welt. Sie ist Pilgerstadt für die schiitischen Muslimen, zumeist aus dem Iran, die hier das Grab von Hussein aufsuchen, dem Sohn von Ali, der mit seinen Gefährten den Märtyrertod in Kerbala (im heutigen Irak) erlitt. Sie ist Pilgerstadt der Christen, die sich an Paulus Aufenthalt in Damaskus und seine Begegnung mit Hananias erinnern und daran, wie aus dem Christenverfolger ein echter Nachfolger Jesu wurde. Sie ist gemeinsame Pilgerstadt der Muslime sowie der Christen, die in die große Omayyaden – Moschee kommen, um vor dem Schrein Johannes des Täufers zu beten. Auch das „Jesus – Minarett“ erinnert daran, wie nah sich syrisches Christentum und der Islam einmal waren (auch darüber noch in einem anderen Bericht).
Die Eindrücke auf dem wuseligen, bunten Basar rund um die große Moschee lassen sich kaum in Worte fassen. In dem labyrinthischen Kaufhaus gibt es Süßigkeiten (fallen mir natürlich als erstes ein), Gewürze und Lebensmittel, Gold- und Silberschmuck, Lederwaren, Brokat- und Damaststoffe, T-Shirts und Dessous, Wasserpfeifen, heilige Schriften und Amulette, Kinderspielzeug und dann mitten drin „Baqdash“, Damaskus berühmtester Eisdiele. Dazwischen gibt es immer wieder alte Paläste, Karawansereien (ehemalige Handelshäuser), Badehäuser sowie wunderbar restaurierte Häuser, in deren Innenhöfen Brunnen stehen und in all dem Gewimmel einen Moment der Ruhe ausstrahlen. Und natürlich die Kaffeehäuser, deren ältestes, An-Nafura, malerisch an der Ostseite der großen Moschee liegt.
Diese Stadt ist für mich wie ein großes Museum, „Tausend und eine Nacht“ hautnah, die arabische Welt offenbart sich in ihrer Vielfalt geheimnisvoll. Ich bin zwei Tage eingetaucht in eine Schnittstelle zwischen Ost und West, in eine über 4000jährigen Geschichte und – wie es mit scheint - in eine betriebsame und nimmermüde Stadt. Nur Politik ist tabu. Syriens Präsident Assad ist auf Bildern und Postern in fast jedem Laden und an vielen Hauswänden allgegenwärtig. Die Syrer leben den Spagat zwischen religiöser Toleranz und politischer Diktatur.
Geistliche Gemeinschaft an der NEST

Das Land lebt für mich aber besonders durch die Menschen, denen ich begegnen darf. Da sind zunächst die Studentinnen und Studenten an der NEST (der „Near East School of Theology“) in Beirut, mit denen ich während meines Studienurlaubes hauptsächlich zusammen bin. Ihre Aufgeschlossenheit uns Deutschen gegenüber, ihre Herzlichkeit, ihre Art, theologisch zu denken, begeistern mich. Das Leben an der NEST ist nicht nur Studium, das geistliche und das gemeinschaftliche Leben spielen ebenso eine große Rolle. Ein Miteinander, bei dem mir bewusst wird, dass uns der christliche Glaube über alle kulturellen und theologischen Unterschiede hinweg täglich aufs Neue verbindet und zeigt, dass wir „eins sind im Geist“.
Da ist der syrisch - evangelische Christ Elias, der toll Klavier spielen kann und dem man seine Berufung zum Pfarrer abspürt. Da sind Yakoub und Anna aus Syrien und der engagierte und äußerst kluge Ashraf aus der lutherischen Kirche von Ramallah in Palästina, der lieber noch viel mehr an der NEST diskutieren würde. Aus Palästina kommen auch die Anglikaner Salim und Bahjar, die gerade ihr Theologiestudium an der NEST begonnen haben. Ihre Heimat, durch die völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen zerstückelt, sowie die für Christen wie Muslime gleichermaßen leidvolle Zeit unter der israelischen Besatzung ist allen stets präsent.
Da ist John aus Kenia, der als methodistischer Pfarrer nach seiner Ordination noch ein Aufbaustudium an der NEST macht und ein ganz besonders spaßiger Typ ist. Da ist Emmanuel aus dem Sudan, ein scharfer Denker und Analytiker, der bei allen Problemen von der Notwendigkeit eines christlich – islamischen Dialoges überzeugt ist. Da sind Lillit aus Armenien, die in ihrem Heimatland jungen Menschen wieder die Grundlagen ihrer Glaubens lehren soll, und Hadi aus dem Libanon, der sein Ph.D. vorbereitet, und natürlich die fünf deutschen Studentinnen und Studenten aus Deutschland, die für ein Jahr an der NEST am SIMO - Programm teilnehmen (Studium des Islams im Mittleren Osten) und, und, und… .
Beeindruckt von den Menschen – sie geben dem Land ein Gesicht
Manch eine Begegnung ergibt sich spontan. So sind wir, als unsere Familien uns besuchen, in Saida (Sidon) im Süden des Libanon und bummeln durch die Altstadt. Da das Ende von Ramadan (Id-al-fitr) gefeiert wird, hat das Historische Museum leider zu. Auf dem Weg werden wir von Sallah angesprochen. Er ist gerade aus London bei seiner Familie zu Besuch und bietet sich an, uns seine Heimatstadt zu zeigen. Nach Überwindung der üblichen deutschen Skepsis erleben wir einen herrlichen Tag in Saida. Sallah macht uns seine Stadt „lieb“ und so kommen wir an Orte, an die wir allein nie gelangt wären. Ein entspannter Tag. Ein Geschenk zum Id-al-fitr am Ende lehnt er dankend ab, es würde ihn beschämen.
Mit dem Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Beirut reise ich nach Aleppo in Nordsyrien. Der Pfarrer der syrisch – evangelischen Kirche, Yousef Jabbour, der Vater von Elias von der NEST, nimmt sich extra Zeit für mich inmitten der Vorbereitungen der Sonntagspredigt und der bevorstehenden Synode. Eine kleine Tour führt uns durch einen mehrheitlich von armenischen Christen bewohnten Stadtteil. Wir trinken Tee zusammen und er berichtet von seiner Arbeit als Leiter einer Grundschule sowie vom Leben der Christen in Aleppo.
In Damaskus lernen wir den jungen Arzt Dr. Amer Ghantous kennen, den Bruder von Hadi aus der NEST. Er arbeitet an einer Privatklinik in der Stadt und hat so auch am Wochenende Dienst. Er ist ein herzlicher, humorvoller Mensch (wir lachen viel zusammen), sehr engagiert in der Jugendarbeit seiner „Nationalen Evangelischen Kirche“ in Damaskus. Abends haben wir zweimal in einem der vielen Restaurants in der Altstadt Gelegenheit zum Gespräch. Selbstkritisch auch zur Lage der Christen in Syrien (Berührungsängste, )spricht er auch offen die Probleme des Landes an (irakische Flüchtlinge, Wohnungsnot, Armut, wachsende religiöse Intoleranz unter Muslimen). Seine Tipps helfen uns, Damaskus zu entdecken und auch das Handeln um begehrte Souvenirs wurde leichter … . Am Sonntag feiern wir zusammen im evangelischen Gottesdienst in der Altstadt, und er hat es auf sich genommen, uns vom arabischen ins Englische zu übersetzen. Dass er uns noch zum Essen einlädt, können wir nicht verhindern.
Yateem treffen wir im alten Kaffeehaus An-Nafura. Er hört uns auf Deutsch reden und spricht uns an. Als wir überlegen, wo wir wohl einen Geldautomaten finden könnten, ist er spontan bereit, uns den Weg zu zeigen. So schlendern wir durch den Suq bis zur Bank. Allein gehe ich anschließend mit ihm weiter. Yateem ist Muslim, kommt aus Berlin, hat aber von seinem 5. – 13. Lebensjahr in Damaskus gelebt. Nun besucht er für drei Wochen seinen Vater, bis er wieder zu seiner Familie in Berlin zurückkehrt. Er lädt mich zum Eis ein bei „Baqdash“. Er erklärt mir, wo ich was im Suq finden kann und zeigt mir kostbare Stoffe. „Dafür ist Damaskus berühmt“, schwärmt er. Irgendwie gibt es in jeder Stadt liebenswerte, sich selbst als berufene Reiseführer verstehende Menschen.
Schon zwei Wochen davor, als ich das erste Mal in Damaskus war, spreche ich einen sunnitischen Geistlichen an, der vor einer kleinen Moschee am Suq steht und den ich nach der Bedeutung der gerade vorbeiziehenden schiitischen Prozession frage. Er lädt mich in die Moschee ein und es entspinnt sich ein interessanter christlich – muslimischer Austausch über Gott, den Frieden der Religionen und die Unterschiede auch im Islam.
Nabil arbeitet täglich als Bibliothekar in der Bücherei der NEST. Er hat traumatische Geschichten während des Bürgerkrieges erlebt, die nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind. Die Einladung zu sich nach Hause nehme ich gerne an. Er wohnt zusammen mit seiner Tante, um die er sich kümmert. Die rüstige alte Dame ist mit ihren 93 Jahren geistig noch superfit, spricht ausgezeichnetes Oxford – Englisch, war in Bagdad schon vor 1948 als Lehrerin tätig, erzählt vom Bürgerkrieg und von der Dummheit der Politiker und liebt die Kunst. Sie ist eine fromme, liebenswürdige Frau, die den Pastor nicht gehen lässt, ohne dass er ein Gebet und den Segen spricht.
Noch von vielen anderen Begegnungen, kürzeren und längeren, könnte ich erzählen. So treffe ich im Libanon und in Syrien erstaunlich interessante Menschen, die offen auf einen zugehen, die mich teilhaben lassen an einem kleinen Stück ihrer Lebenswelt. Ich erlebe weltweite Kirche hautnah, Muslime, die von der Vielfalt ihres Glaubens sprechen, die dabei aber auch selbstkritisch und analytisch die Lage in der islamischen Welt beschreiben. Ich merke schon jetzt: Mir helfen die Erlebnisse zu einer geschärften Blickweise auf die Situation meiner christlichen Geschwister im Mittleren Osten sowie auf Möglichkeiten und Grenzen der christlich – muslimischen Begegnungen. Das ich dabei noch so viel Zeit habe zu lesen, zu studieren, zu reflektieren, die Erlebnisse damit noch zu vertiefen, halte ich für eine einmalige Chance, die die NEST bietet. Ich freue mich auf die „zweite Hälfte“.
Ihr/ euer Andreas Goetze