Pfarrer aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau schreiben hier über ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen aus dem Libanon. Sie halten sich dort vom 24. September bis 17. Dezember 2007 im Rahmen ihres Studienaufenthaltes an der Near East School of Theology in Beirut auf.

Eindrücke aus Syrien

(Di, 06.11.2007) Am Sonntagabend sind wir 5 Pfarrer von einer 4-tägigen Kurzreise  nach Syrien zurückgekehrt. Neben unserem Interesse vor allem an Damaskus als einer der ersten Hauptstädte des islamischen Weltreiches mit vielen touristisch attraktiven Stätten, hatte dieser „Blick über den Zaun“ auch mit der Situation hier im Libanon zu tun.

Denn bis zum Ende des Ottomanischen Reiches 1918 gehörte die ganze Region incl. der heutigen Staaten Syrien (nach dem I. Weltkrieg: englisches Mandatsgebiet) und Libanon (nach dem I. Weltkrieg: französisches Mandatsgebiet) zusammen. So argumentiert die Republik Syrien spätestens seit ihrem Eingreifen in den libanesischen Bürgerkrieg in den 1970-er Jahren mit der gemeinsamern Geschichte und Kultur und sieht den Libanon als eine syrische Provinz (was der Tatsache einer extrem gesicherten Grenze zwischen den beiden Ländern und teurer Visumsbeschaffung für uns Ausländer nur auf den ersten, westlichen Blick hin widerspricht.) Umgekehrt sehen die meisten Bürger des Libanon den großen Nachbarn mit seiner starken Militär-macht, die er erst 2004 (mal wieder) abgezogen hat, als Bedrohung. Bei den in diesen Tagen an-stehenden Präsidentenwahlen im Libanon geht es auch darum, wie viel Einfluss Syrien auf die libane-sische Politik behalten kann (und wie viel die USA im internationalen Konzert zulassen wollen.) Das Wissen darum, dass der syrische Geheimdienst weiterhin überall im Land präsent ist und der starke, aber bisher nie bewiesene Vorwurf, dass Syrien auch hinter der Ermordung des Ministerpräsidenten Hariri im Jahr 2005 steckte, trägt zu den derzeitigen Spannungen zwischen beiden Staaten bei.

Ich aber möchte von 3 persönlichen Eindrücken aus Syrien berichten.

Ein altes Kloster wird neu genutzt
Kloster Mar MusaDen ersten Tag und die erste (reichlich kalte) Übernachtung unserer Reise verbrachten wir im Kloster Mar Musa, auf ca. 1300 m. Höhe auf halber Strecke zwischen Damaskus und Homs am Rande der syrischen Wüste gelegen. Der italienische Jesuit Paolo fand hier 1982 die Ruinen eines Klosters aus dem 13. Jahrhundert vor, eine der vielen Erinnerungen daran, wie gerade das Mönch-tum zum Überleben und zur stetigen Erneuerung des Christentums im islamischen Machtbereich beigetragen hat. Nach und nach entwickelte Paolo nach dem Lernen der arabischen Sprache die Idee, das Kloster wieder zum Ort kommunitären Leben zu machen - und darüber hinaus zu einer Stätte interreligiöser Begegnung. Nach anfänglichem Zögern unterstützt heute die Syrisch-Katholische Kirche, die Paolo in den 90er Jahren zum Priester weihte, dieses Konzept. 3 Brüder und 3 Schwestern leben derzeit hier, gemeinsam mit meist muslimischen Handwerkern und Arbeitern werden die Gebäude hergerichtet und erweitert (derzeit gibt es außer der Kirche einen Frauen- und einen Männerbereich, die Küche, einen Versammlungssaal und eine kleine Bibliothek). Der Grundgedanke ist,  einladend zu leben - sowohl im Blick auf die wachsende Zahl internationaler Gäste auf der Suche nach Einkehr und innerem Wachstum („Die Wüste hat eben ihre eigene Spiritualität“, sagt Paolo) als auch im Blick auf Interessierte und Gesprächspartner aus dem Islam. Es geht um Erfahrungen des Zusammenlebens unter sehr einfachen Bedingungen, um Respekt und Zeugnis ohne Hintergedanken. Nur etwa 24 Stunden haben wir für diesen Ort und sind dennoch fasziniert von der Gastfreundschaft, von der internationalen Gemeinschaft ganz unterschiedlicher Christentümer, von der einstündigen Schweigemeditation oder von der „ökumenischen Messe“, in der problemlos Brot und Wein an alle gereicht wird. Aber wir fragen uns auch – spätestens als am nächsten Morgen Tagestouristen und eine lärmende Schulklasse auf Ausflug kommen - : wird das Projekt von den einheimischen Christen angenommen und wird das Zugehen auf den Islam von ihnen anerkannt – oder bleibt dies (so wie es uns derzeit schien) vor allem ein Ort für westliche Sinn-suchende? Fahren auch Sie hin und machen Sie sich ein eigenes Bild!      

Ein christliches Dorf vermarktet eine Legende
Dorf MaalulaNur 9% der 18 Mio. Einwohner Syriens sind Christen. Sie sind nominell gleichberechtigt und werden respektiert, wozu ihre Loyalität zur Nation und zur Regierung Assad (eine alewitische Familie übrigens) sicher beiträgt. Ein Prinzip des Zusammenlebens mit Muslimen und anderen Glaubensge-meinschaften  ist das des Nebeneinanderlebens: die Christen verteilen sich nicht in der Bevölkerung, sondern wohnen meistens in eigenen historisch gewachsenen „christlichen“ Dörfern bzw. Vierteln der Städte.
Ein solches nahezu vollkommen christliches Dorf ist Maalula (1.300 Einwohner), eine halbe Auto-stunde nördlich von Damaskus. Hier wird die Legende von der Heiligen Thekla verortet: die junge Frau, eine Paulus-Jüngerin, sei von römischen Soldaten verfolgt worden um sie wegen ihres Glau-bens zu töten. Vor der Felswand, die heute das Dorf begrenzt, betete sie, wurde erhört und eine Klamm tat sich auf,  durch die sie sich in Sicherheit brachte. Heute liegt am Fuß dieser zuweilen nur 2 Mann breiten Klamm die St. Thekla-Kirche mit dem gleichnamigen Schrein und einer Quelle, aus der - in allen Sprachen dieser Welt angepriesen -  angeblich heilendes Wasser strömt. Folgt man der immer enger werdenden Klamm  nach oben, so gelangt man ca. 50 m oberhalb des Dorfes zu zwei Klöstern mit schönen Fresken und Ikonen, aber auch Souvenirläden und Cafés. Das Dorf  lebt von der Vermarktung jener Legende und ist in ganz Syrien bekannt. Aber ob die mehrheitlich muslimi-sche Schulklasse auf ihrem Freitagsausflug (islamischer Feiertag!) beim Klettern durch die Klamm an die Christin Thekla denkt? Die Jugendlichen wollen einfach nur Spaß haben. Und wir merken. Vom (Religions-) Tourismus bis hin zum respektvollen Verstehen des mir bisher Fremden ist es oft ein sehr weiter Weg!

Eine islamische Weltstadt wird „Weltkulturstadt“ 2008
Damaskus – wo wir für 2 Tage waren - ist mit 1 Mio. Einwohnern in der Innenstadt und 6 Mio. im Großraum die Hauptstadt und zugleich größte Stadt Syrien (wo man wegen der Wüste nur in ca. 1/3  der Landesfläche siedeln kann). Sie ist heute einerseits eine City mit allen Vor- und Nachteilen modernen Lebens im orientalischen Gepräge: Shoppinggelegenheit gerade für die vielen jungen Menschen bis in die Nacht hinein, pulsierendes Leben in den Cafés, beste arabische Küche in den Restaurants. Aber auch Verkehrschaos, Umweltverschmutzung (nach dem Motto: „Hauptsache, mein eigener Müll ist weg!“ wird alles weggekippt) und knapper Wohnraum für mehrere Generat-ionen. Andererseits ist Damaskus einer der ältesten besiedelten Orte der Welt (mindestens seit dem 3. Jahrtausend v. Chr.) und vor allem in der Umayadenzeit (7.-8. Jhdt. n. Chr.) die Hauptstadt das ersten arabisch-islamischen Reiches. So galt unser Interesse - neben den Düften und Genüssen des Soukhs, der zum Teil überdachten Marktgassen, und der Begegnung mit Christen der Nationalen Ev. Kirche, deren Gottesdienst wir am Sonntag besuchten -  vor allem diesen Spuren seit der römischen Zeit. Dazu gehören für das frühe Christentum sicher die Hananias-Kirche (wo Paulus nach seinem „Damaskuserlebnis“ bekehrt wurde) oder die Paulus-Kappelle an der heute noch weitgehend intakten Stadtmauer (von wo er bei seiner Flucht aus der Stadt herabgelassen wurde, s. für all dieses das Neue Testament, Apostelgeschichte ab Kap. 8).
Dazu gehören für den Islam sicher die Umayaden-Moschee, eine der größten seit 13 Jahrhunderten durchweg benutzten Gebetsstätten (übrigens wurde zeitweise eine byzantinische Kirche direkt daneben geduldet) mit der beein-druckenden Vielfalt von Muslimen aus aller Herren Länder, die dort beten, am Schrein von Hussein trauern und am Schrein von Johannes dem Täufer andächtig die Umfassung berühren. Dazu gehören aber auch Zeugnisse aus der ottomanischen Zeit wie der wunderschöne Hazem-Palast mit seinem (durch Figuren nachgestellten) Einblick in die Lebensart islamischen Adels im 17. Jahrhundert. Die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen ist eine Stadt für sich und gerade hier wird überall renoviert und gebaut und sich fein gemacht, denn Damaskus will dem UNESCO-Titel   „Weltkulturhauptstadt 2008“ gerecht werden. Vielleicht wird ja doch manches wieder original rekonstruiert und vielleicht steigert dies die Lebensqualität der Bewohner auch nach dem Jahr 2008 ein wenig. Zu hoffen aber ist vor allem, dass der Charme der Altstadt mit ihren Kleinstgewerbe und ihren Familienbetrieben sich gegen die globalisierten Märkte des 21. Jahrhunderts behaupten kann.
Jedenfalls wünscht sich dies aus Beirut
Pfarrer Bernd Apel

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