Pfarrer aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau schreiben hier über ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen aus dem Libanon. Sie halten sich dort vom 24. September bis 17. Dezember 2007 im Rahmen ihres Studienaufenthaltes an der Near East School of Theology in Beirut auf.

Zwischenbilanz: Interreligiösen Dialog im Libanon

(So, 11.11.2007) Ein wenig Wehmut macht sich in mir breit. Denn wir sind mittlerweile schon in der zweiten Hälfte unserer Zeit hier angelangt und – nach dem Ausflug nach Syrien- wieder in das Lehrprogramm eingetaucht, bevor nun in der neuen Woche die Feiern zum 75-jährigen Jubiläum der NEST anstehen werden. Vielleicht eine gute Gelegenheit, etwa 4 Wochen vor unserer Rückkehr eine Zwischenbilanz zum interreligiösen Dialog hier und seinen Stellenwert für die Gesellschaft auch im Blick auf Deutschland zu versuchen.

Ich selbst bin u. a. mit der Hypothese hierher gereist, das

a) im Nahen Osten als Teil der südlichen Welt (und Heimat von 3 Weltreligionen) Religion wesentlich selbstverständlicher in den Lebenszusammenhängen der Menschen verankert ist als im der „west-lichen“ Kultur“ bzw. im Norden des Globus, und dass

b) sie hier auch kollektiver, im Blick auf die jeweils prägende und Orientierung gebende Gemeinschaft bezogen, empfunden und gelebt wird tun als im eher individuell denkenden „Westen“.

Identität wird stark durch Religionszugehörigkeit geprägt
Gerade der Libanon – deshalb wohl einmal von Papst Johannes Paul II. als „Botschaft für die Welt bezeichnet“ – versucht alle Gegensätze, die aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen und gerade auch religiösen Identitäten herrühren, durch einen politischen Proporz  auszubalancieren. Hier bin ich als einzelner Bürger XY zunächst einmal Maronit oder Sunnit oder Druse (sogar im Pass wird die „Konfession“ eingetragen) und meine Interessen im Gemeinwesen nimmt letztlich mein (den entsprechenden Konfessionen zugeordneter) Parlamentarier, aber eben auch mein Religionsführer wahr. Und sobald mein Interesse dem anderer Gruppen oder „Sekten“ (dieser Begriff wird hier gar nicht abschätzig benutzt) entgegensteht, muss man solange miteinander reden, bis ein Konsens möglich wird. (Daher derzeit wohl auch die quälend langen Vorgespräche auf der Suche nach einem für alle einigermaßen akzeptablen Präsidentschaftskandidaten).  

Zwei Begegnungen mit Menschen, die im derart verstandenen „Dialog“ eine Rolle spielen, will ich schildern:

Muslim besteht auf vertrauensvollen Gesprächen zwischen Christen und Muslimen

Am vergangenen Montag ließ sich ein Treffen mit dem Muslim Dr. Mohammad Sammak arrangieren.
Dr. Sammak ist der Generalsekretär des Nationalen Libanesischen Komitees für den Christlich-Islamischen Dialog. Für ca. 1 Stunde empfängt er uns seinem klimatisierten Büro im 4. Stock eines gut bewachten Pressegebäudes, in dem Organisationen der „Bewegung des 14. März“ untergebracht sind, also des die derzeitige Parlamentsmehrheit darstellenden „Hariri-Blocks. Dies ist nicht zufällig, denn das Dialog-Kommitee ist natürlich auch eine Größe in dem Ringen um nationale Einigung und steht gegen die (etwa der Hizbollah unterstellten) Blockierung derselben. Wir reden vor allem über das Anfang  Oktober erschienene „Common Word between you and us“, mit dem 138 Theologen und Prominente der islamischen Welt auf den Papst und verschiedenste Führer des Christentums zugegangen sind und die gemeinsame Verantwortung beiden großen Religionen (die zusammen fast 60 % der Weltbevölkerung ausmachen) betonen. Dr. Sammak sagt, dass es, um dem Extremismus auf beiden Seiten zu wehren, der Respektierung gerade der Differenzen bedarf, aber eben auch des beharrlich vertrauensvollen Gespräch miteinander. Und deswegen bittet er als Moslem geradezu die Christen des Landes und der Region, hierzubleiben und sich einzubringen – denn sonst fehlt insbes-ondere den moderaten Muslimen der einheimische Partner mit 1400 Jahren gemeinsamer Erfahrung.
Wir hören dies mit innerer Zustimmung, aber auch mit der Frage, wie viel von solcher Haltung an der Basis, in den Moschee- und Kirchengemeinden „ankommt“?

Christliches Plädoyer für den Dialog der Religionen

Am Donnerstag sind wir 5 dann im Beiruter Stadtteil Bikfaya für eine knappe Stunde Gäste des melkitischen Patriarchen Gregorius III. Die Melkiten (die Griechisch-Katholische Kirche, juristisch dem Papst treu, im Ritus aber byzantinisch-griechisch) haben im Nahen Osten ca. 1 Million Mitglieder und sind damit eine der stärksten Konfessionen. Und Gregorius III., liebenswürdig, ökumenisch gesinnt und recht gut Deutsch sprechend, setzt dieses Gewicht auch ein. Gerade hat er an König Abdallah geschrieben, dieser verlöre doch nichts, sondern würde sogar das Ansehen des Islam steigern, wenn er den Bau christlicher Kirchen in Saudi-Arabien zuließe. Mit der gleichen Klarheit kritisiert der Patriarch aber das auch Gewöhnen des Westens an den Nahost-Konflikt (hier müsste seines Erachtens Europa viel lauter sprechen) oder an die Invasion der USA in den Irak, die viele Menschen hier erst zu Fundamentalisten machte. Und ebenso wie Dr. Sammak will er lebendiges Christentum  im Nahen Osten auch deswegen erhalten sehen, um der These vom „Clash of civilizations“ bzw. einer Aufteilung in östliche = islamische (?) und westliche = christliche (? Länder zu widersprechen. Für ihn ist Dialog mit dem Islam auch ein Vertrauensvorschuss, in dem beim Zugehen auf den anderen „unser eigenes Christsein wächst“. Doch ist ihm auch klar, wie seiner diesbezüglichen  „Predigt“  jeden Tag die lautere „Predigt“ der Fakten von Hass und Anschlägen, von sozialer Ungerechtigkeit und Konfessionsegoismus gegenübersteht, die gerade viele Christen resigniert abwandern lässt. 

Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung
Wie viel Einfluss also haben Menschen wie Mohammad Sammak oder Gregorius III?
Am Samstagabend gehen wir zu einer Art Polit-Konzert in einer der anliegenden Straßen. Einige hundert Menschen, meist junge Leute oder Intellektuelle, sind um die Bühne herum versammelt, es gibt Aufkleber und T-Shirts. Die Botschaft heißt „khalass - genug“ - genug mit der Gewalt, aber auch mit Politikermacht, Korruption und Vetternwirtschaft. (Organisierte) Religion ist hier kein Thema. Ich höre sogar auch ein „Genug“  heraus mit allen Organisationen, Fraktionen, Gruppen (und Religionen(?),  die meinen, für den Einzelnen zu sprechen. Die Menschen hier jedenfalls wollen Spaß und ich spüre ihre Sehnsucht, das Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen und individuelle Freiheiten zu leben. Ob das ihre Eltern auch so sehen? Und ob das nach 60 Jahren „Konfessionalismus“ für den Libanon eine Alternative ist? Und was hieße dies für Deutschland, wo Religion lange Privatsache war und gerade mal wieder über deren angeblich zu großen Einfluss und Aggressionspotential diskutiert wird (s. R. Dawkins?)

Es grüsst aus Beirut
Pfarrer Bernd Apel

Eine Reaktion zu “Zwischenbilanz: Interreligiösen Dialog im Libanon”

  1. Uwe Buschmann

    Ein herzliches “Grüss Gott” der Libanon-Gruppe! Ich genieße die Lektüre im
    Newsletter sehr und wünsche aus dem Idsteiner Land Gottes Segen für die
    verbleibenden Wochen. Pfarrer Uwe Buschmann