Pfarrer aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau schreiben hier über ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen aus dem Libanon. Sie halten sich dort vom 24. September bis 17. Dezember 2007 im Rahmen ihres Studienaufenthaltes an der Near East School of Theology in Beirut auf.

Das libanesische Gesicht des Christentums: Die Maroniten

Notre Dame de Ilije Liebe Leserinnen und Leser,

in der vergangen Woche hat die (fast sage ich schon:  „unsere“) NEST ihr 75-jähriges Jubiläum begangen. Sie war 1932 aus dem Zusammenschluss zweier Seminare (in Athen und in Beirut) für den protestantischen Theologen-Nachwuchs des Nahen Ostens hervorgegangen und ist seit 1971 an ihrem jetzigen Standort im Stadtteil Hamra (wo sie u. a während des libanesischen Bürgerkriegs als einigermaßen sicherer Zufluchtsort für die Menschen des Viertels galt).

Geburtstagstorte für die “Nest”In dem akademischen Gottesdienst am „Geburtstag“ 11.11. – in dem u. a. Vertreter der heutigen westlichen Partnerkirchen incl. unserer EKHN Grußworte sprachen – und bei allen Erinnerungen klang immer wieder an: die NEST verbindet evangelische Identität mit kritischem Intellekt und bildet in einem ökumenischen Geist aus. An der Schnittstelle zwischen östlicher und westlicher Kultur ist sie seit 2002 auch Träger des „Forum Christlich-Islamischer Dialog“. (Für uns 5 Pfarrer, die zum Teil bei ihm studiert hatten, war das einzig Betrübliche am ansonsten schönen Jubiläumsprogramm, dass Prof. Jürgen Moltmann aus Deutschland nicht wie vorgesehen zu seinem Festvortrag kommen konnte).

Die Maroniten

Die Protestanten machen aber nur knapp 2 % der Christen im Libanon aus und sind eigentlich erst seit der Mission des 18. Jahrhunderts in der Region. Deswegen will ich Ihnen heute noch die Maroniten vorstellen, die wohl zu recht als das typisch libanesische Gesicht des Christentums gelten. Sie waren vergangene Woche Schwerpunktthema in unserem Studienkurs  „Zeitgenössische Östliche Kirchen“ und gestern hat der Kurs einen Ausflug zu zwei maronitischen Klöstern gemacht.
 

Die Geschichte der Maroniten

Der Hl. Maron (+ 411) ist der Namengeber dieser Tradition, die im Jahr 452 mit dem Kloster St. Maron im Orontes-Tal des heutigen Syrien ein erstes Zentrum bekam. Die Maroniten erkannten die Ergebnisse des Konzil von Chalcedon  an und wurde deswegen sowohl von den im Nahen Osten damals vorherrschenden Gegnern der byzantinischen Reichskirche angefeindet als auch ab dem 7. Jahrhundert vom aufkommenden Islam. Deswegen war für sie das Mönchtum nicht nur theologische Grundlage, sondern boten die Klöster in den abgelegenen Tälern des Gebirges immer auch eine Rückzugsmöglichkeit und sicherten das Überleben. Seit dieser Zeit schon ist die maronitische Kirche, deren Priester, Bischöfe und sogar Patriarchen ihren Lebensunterhalt oft als Bauern erarbeiteten mit der Bevölkerung tief verbunden. Als Byzanz - durch die islamische Herrschaft – vom Nahen Osten getrennt war - etablierte sie Ende des 7. Jahrhunderts das erste unabhängige Patriarchat. In der Zeit der Kreuzfahrer, die Maroniten waren inzwischen meist in das Gebiet des heutigen Libanon umge-siedelt, bahnten sich die Kontakte mit dem christlichen Westen (vor allem Frankreich) an, die dann im 15. und 16. Jahrhundert zur lehrmäßigen Übereinstimmung mit Rom und zur Akzeptanz durch den Vatikan führte.
 

Die Maroniten heute

Die Maroniten sind heute eine eigenständige östliche Kirche in der katholischen Kirchenfamilie mit ursprünglich syrischer, heute meist arabischer Gottesdienstsprache, deren Patriarch seit 1983 auch katholischer Kardinal ist. Durch ihren (erfolgreichen) Einsatz für die Schaffung eines eigenständigen libanesischen Staates nach dem I. Weltkrieg sind sie bis in diese Tage hinein gefragt, wenn es darum geht, die Existenz dieser Demokratie für Christen und Nichtchristen im arabischen Kontext zu erhalten. So führt der Patriarch fast täglich Gespräche auf der Suche nach einem Präsidentschaftskandidaten, der qua Verfassung ein Maronit sein muss.
 

Besuch im Kloster Mayfouq

Notre Dame de Ilije Bei unseren Besuch im Kloster Mayfouq (wo die Hl. Jungfrau von Ilije besonders verehrt wird) erfahren wir durch Bruder Touma vieles von der historisch gewachsenen Kraft dieser Kirche, die mit 1 Mio. Gläubigen im Libanon ebenso viele Mitglieder hat wie alle anderen christlichen Kirchen im Land zusammen. Er verschweigt aber auch nicht die Probleme wie fehlenden Klosternachwuchs oder das Abwandern der Christen ins Ausland (allein in Brasilien sollen 5 Mio. Maroniten leben). Erst jetzt – hoffentlich nicht zu spät – habe man sich der Ökumene geöffnet. Bei der Besichtigung der über 1000 Jahre alten Kirche von St. Ilije bekommen wir auch das Versteck der Bischöfe und Patriarchen in Notzeiten gezeigt und ahnen etwas von der Glaubenstreue über Jahrhunderte hinweg.

Das Grab von Mar SchabelUnd am Grab des Mar Scharbel (1822-1898, 1979 heiliggesprochen) auf einem Berg unterhalb seiner Einsiedlerzelle sind wir zwar von manchem Kitsch unangenehm berührt, können uns aber dem Eindruck nicht verschließen, dass solche Art Frömmigkeit hier ihren Sitz: im Leben hat: Religion ist im Nahen Osten nicht „light“ zu haben! 

Es grüsst aus Beirut
Pfarrer Bernd Apel

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