Sport, Ausnahmezustand und Klosterleben im Libanon

Liebe Leserinnen und Leser in Deutschland,
ein Marathon als Lebenszeichen, ein nicht vorhandener Ausnahmezustand und ein ganz normaler Tag im Kloster – so könnte die auf den ersten Blick konfus klingende Überschrift für diesen Wochenrückblick lauten. Aber vielleicht ist beim zweiten Blick das Konfuse auch das Charmante dieses kleinen Landes!
Der Beirut-Marathon
1. Am Vorabend wurden nach Lautsprecheransagen parkende Autos beiseite geräumt und noch bis in die frühen Morgenstunden die Straßen picobello gesäubert: der Beirut-Marathon (neben der eigentlichen 42 km Strecke auch mit 5km-, 10km und einem Behinderten-Rennen) fand überhaut erst zum 3. Mal statt
Im letzten Jahr war er wegen des „Sommerkriegs“ ausgefallen. Er sollte das Signal setzen, dass der Libanon und diese Stadt trotz aller Zerrissenheit zur Normalität zurückehrt. Es kam also nicht so sehr auf das sportliche Ereignis an, zumal sich nur ca. 600 Läufer für den eigentlichen Marathon-Lauf hatten registrieren lassen und der Gewinner aus Äthiopien mit 3.000,- US-Dollar Siegesgeld weit unter den internationalen Maßstäben blieb. Eher war es bei strahlendem Sonnenschein ein Party-Tag: Showgruppen, Fußgänger, Vereine und Musikbands produzierten sich an und auf den Straßen und behinderten die Sportler oft eher als dass sie diese anfeuerten. Die Wasserversorgung für Läufer war mangelhaft und zum Zieleinlauf an der Küstenstraße „Corniche“ musste man sich quasi durchfragen. Aber wen störte schon diese doch recht „arabische“ Organisa-tion, wenn man sagen kann. ich war dabei gewesen. Im engeren Sinne galt das übrigens auch für zwei Teilnehmer aus unserer NEST: Emily McGinley aus den USA (4. 20 St.) und Pfarrer Kurt Johann aus Gedern (4.54 Std.) Bravo!
Geplante Präsidentenwahl und Ausnahmezustand
2. Der vergangene Freitag war der lange erwartete, mehrmals verschobene und nun auch juristisch letztmögliche Termin für eine Präsidentenwahl durch das libanesische Parlament. Die Vorgeschichte
für dieses Szenario reichte bis in die Zeit der syrischen Militärbesatzung und des Attentats auf den Ministerpräsidenten Hariri 2005 zurück. Immer neu hatten sich seitdem die Regierungsmehrheit und die fast genau so starke Opposition gegenseitig blockiert. Es ging um den Einfluss des Westens oder des Irans bzw. Syriens, um den Proporz zwischen den Religionen, vor allem aber um Eitelkeiten und Machtgelüste von Clanchefs und Milizenführern. Nun war es an den untereinander zerstrittenen christlichen Fraktionen, einen Kandidaten zu finden, der allen recht war. Es gab unendlich viel Spekulation und der Durchschnittsbürger war nur noch genervt von der Unfähigkeit der Politiker, für das Gesamtwohl des Landes ihre Partikularinteressen hinten an zu stellen. So kam es, wie es kommen musste: eine Wahl findet nicht statt, der bisherige Präsident Lahoud übergibt 2 Stunden vor Mitternacht die Macht an das Militär und die Regierung unter Ministerpräsident Siniora führt wie von der Verfassung vorgesehen provisorisch die Amtsgeschäfte fort. Theoretisch besteht nun ein Ausnahmezustand – worüber in den deutschen Medien wohl etwas dramatisch berichtet wurde –, aber praktisch geht das Leben unaufgeregt weiter. 3 von uns, die noch am entscheidenden Abend in der Innenstadt waren, berichten eher von zwar leeren Straßen. aber vollen Bars und Kneipen. Zumindest die Libanesen, die es sich leisten können, geben sich der Lebensfreude hin und lassen die Politik Politik sein: Beiruter Normalzustand?
In das Klosterleben eingetaucht
3. Am Samstag besucht unser Kurs „Zeitgenössische östliche Kirchen“ das griechisch-orthodoxe Kloster St. Michael. Es liegt wunderbar unterhalb des seit einigen Tagen schneebedeckten Mt. Sannin am Fuß des Libanongebirges, während hinter uns das blaue Mittelmeer zu sehen ist – ein einmalig libanesisches Panorama.
Bruder Efrem, der Abt der kleinen Gemeinschaft von 8 Mönchen und 2 Novizen, empfängt uns, zeigt uns die Kirche mit den schönen Ikonen und erzählt uns vom Klosterleben. Und so wie wir Beirut mit seinen Autogestank und seinen politischen Gerüchten hinter uns gelassen haben, so entfernen wir uns auch inhaltlich von den dortigen Aufgeregtheiten und Wichtigkeiten. Auch wenn das Mönchtum für die meisten von uns Protestanten etwas Fremdes hat – wir spüren, dass Heilsames in dem seit Jahrhunderten kaum veränderten Rhythmus eines Klostertages liegen kann, in den wir für einige Stunden eintauchen und der immer wieder gerade junge Leute anzieht:
2.30 Aufstehen, 3.00 Frühstück, 4.00 Morgengebet; dann Arbeiten je nach Aufgabe für das Kloster bis 11.00 (z. B. Garten, Küche). 11.30 Mittagsgebet, 12.00 gemeinsames Mittagessen, anschl. Freizeit oder Ruhe nach eigenem Ermessen. 16.00 Vespergebet, anschl. Abendessen, Abendgebet und ab 19.00 in den Zellen, ca. 21.00 Nachtruhe. Außerdem wird 3x wöchentlich um 6.00 morgens die Hl. Liturgie gefeiert und am Sonntag um 8.30 für die Bewohner des angrenzenden Dorfes.
Durch diese Kontinuität ihres Daseins für Gott und für die Menschen (Klöster sind z.B. qua ihrer Verfassung zur Gastfreundschaft verpflichtet), legen die Mönche ein christliches Zeugnis ab in einer mehrheitlich nicht mehr christlichen Gesellschaft – ganz egal, wer gerade im Präsidentenpalast in Beirut das Sagen hat. Auch solche Orte braucht der Nahe Osten!
Es grüsst aus Beirut
Pfarrer Bernd Apel
Am 30. November 2007 um 01:42 Uhr
Hallo Bernd,
es ist schön, dass man über diesen Blog etwas von eurer Exkursion mitbekommt. Nachträglich wünsche ich dir auch noch alles Gute und Gottes Segen zum Geburtstag. Wie kann ich dich persönlich erreichen? Gibt es eine Mail-Adresse?
Liebe Grüße aus dem kalten und windigen Hohen Westerwald
Uwe