Pfarrer aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau schreiben hier über ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen aus dem Libanon. Sie halten sich dort vom 24. September bis 17. Dezember 2007 im Rahmen ihres Studienaufenthaltes an der Near East School of Theology in Beirut auf.

“Ein Fenster zu Gott“ - über den spirituellen Weg, mit Ikonen Gott zu schauen

Ikonenmaler, Mönch, Priester, Theologen, Kunsthistoriker, Künstler, Bildhauer Alt ist die Kunst der Ikonenmalerei, Ausdruck des Glaubens und wahrnehmbarer Hinweis auf Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist. Durch die Ikonen scheint sozusagen das Göttliche hindurch, die ewige Welt möchte mich in meiner zeitlich und räumlich begrenzten Erkenntnisfähigkeit „besuchen“ – eine Form der Inkarnation, der „Fleischwerdung“ des unsichtbaren Einen, der sich in seiner Liebe sichtbar macht - Gott an – schaulich, Gott beim Menschen in seiner Gebrochenheit, um ihm das Heil nahe zu bringen, das ihn erlöst. Und ich bin kurz vor dem 1. Advent mitten drin in der Botschaft der Weihnacht, dass Gott Mensch wurde, um mir, uns allen inneren wie äußeren Frieden zu schenken.

Auf den Spuren der Ikonen
Ich habe mich auf den Weg gemacht, den maronitischen Mönch, Priester (Abuna), Theologen, Kunsthistoriker, Künstler, Bildhauer und Ikonenmaler Abdo Badwi zu treffen. Auf den Spuren der Ikonen und ihrer Bedeutung für den Glauben, die Spiritualität, die Kirche. (Die Maroniten sind eine vor dem 7. Jahrhundert im Mittleren Osten existierende arabisch sprechende Kirche mit alter syrischer Liturgie, die wohl mit der römisch – katholischen Kirche verbunden ist, aber stets selbständig blieb. Heute ist sie vor allen Dingen im Libanon zu finden und stellt in dem kleinen Land den Staatspräsidenten  – wenn sie denn endlich einen wählen könnten …).

Ikonen als Einladung zur Meditation
Abuna Badwi versteht seine Arbeit als spirituelle Reise, die ein Mensch unternehmen kann: „Die Gottesebenbildlichkeit in all ihrer Schönheit, die wir verdorben und verbogen haben, wurde erneuert und wieder hergestellt durch die Inkarnation des Sohnes Gottes. (…) Der Heilige Geist, verborgen vor unseren Augen, die nur interessiert, das eigene zu sehen, blieb aber still in unseren Herzen, hervorgeholt und bereichert durch die göttliche Liebe. Die Ikonen repräsentieren die Einladung in die Welt der Meditation, jenseits von Raum und Zeit, um uns zur Verwandlung zu leiten. Die Harmonie und Schlichtheit der Ikonen führt uns hin zu Gott mit ihrer Technik der Linien und Farben, immerzu überzeugt von der Inspiration des Alten wie des Modernen.“

Die Ikonen haben eine liturgische, künstlerische, ästhetische, kulturelle und theologische Bedeutung. Sie laden ein zu einer „meditativen Lesung“. Oder wie es Abuna Badwi formuliert: „Sie lassen uns eintauchen in die Welt des Gebets und führen uns ein in das Evangelium mit seinen spirituellen und eschatologischen Aspekten“.

Im „Institut für Sakralkunst“ wird die Tradition neu entdeckt
Abuna Abdo Badwi ist Prof. für Kunst, Ikonographie, Kunstgeschichte und semitische Sprachen an der Heilig – Geist Universität Kaslik im Libanon (nördlich von Beirut ca. 45 Minuten mit dem Auto). Seit 12 Jahren führt er das kleine „Institut für Sakralkunst“. Junge Studentinnen und Studenten arbeiten an eigenen Ikonen, studieren Kunstgeschichte von der vorchristlichen Zeit bis heute und Theologie, christliche Ästhetik und den kulturellen Hintergrund des syrischen Großraums. So beginnen sie ihre eigene, reiche Tradition zu entdecken, merken, wie oft Bilder und Ikonen aus dem Westen ihre eigene Tradition verdrängten.

Aufgespürt und restauriert
Abuna Badwi: „In den Kirchen ist über die Jahrhunderte viel zerstört worden. Viele unserer Kunstgegenstände liegen auch in den Museen dieser Welt.“ Er hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese alten Ikonen aufzuspüren und mit diesem Hintergrund neue Ikonen nach syrischem Vorbild zu gestalten für die syrisch – maronitische Kirche (wobei Syrien nicht den heutigen Staat meint, sondern den Großraum Syrien, der von Palästina im Westen bis nach Mesopotamien im Osten und weiter hinaus bis nach Indien, von Armenien im Norden bis auf die arabische Halbinsel reichte). Fachleute sind zudem dabei, beschädigte Ikonen oder Bilder zu restaurieren. Eine langwierige und schwierige Arbeit.

Der syrische Stil
Die syrischen Ikonen prägen einen ganz anderen Stil als die mir bisher bekannten griechisch – orthodoxen. Jesus als „Pantokrator“ ist nicht so sehr wie in der griechischen Tradition der streng auf uns herabschauende Weltenherrscher, sondern er blickt mich eher menschlich an, ist mehr „erdverbunden“ (Einfluss der Renaissance). Es ist im gewissen Sinn eine naive Malkunst, doch so schlicht die Ikonen auf mich wirken, sie sind geometrisch durchgeformt und ich erfahre, dass jede Farbe ihre Bedeutung, jeder Gegenstand auf der Ikone einen symbolischen Wert hat. Die Ikonen laden eben ein zur Meditation. Es steht nicht der Künstler im Vordergrund, sondern die Begegnung mit dem Gott, der sich mir liebevoll zugewandt hat. Und bewahren sich nicht auch Liebende, wenn sie sich von ihrer Liebe erzählen, eine gewisse Naivität?

Die Trinitäts – Ikone:
TrinitätsikoneDie Präsentation der Trinität, der „Dreieinigkeit Gottes“ geschieht nach den Vorstellungen der östlichen Theologie in vertikaler Weise vom Vater ausgehend über den Sohn zum Heiligen Geist. Oft sind uns bekannte Darstellungen der Dreieinigkeit verbunden mit dem Bild des Vaters als „alten Mann“. Hier ist er gestaltet nach dem Verständnis der Theophanie, d.h. der „Gotteserscheinung“. Die Hand gilt schon in jüdischer Tradition als Symbol Gottes, als Symbol für den Schöpfer und seine Stimme (wie es schon im Schöpfungsbericht heißt: „Und Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht“). Sein „wahres Gesicht“, sein Wesen als Liebe, zeigt Gott in der Inkarnation des Sohnes, in Jesus, der daher mit einem Gesicht zu schauen ist. Der Heilige Geist ist dargestellt in symbolischen Formen aus der christlichen Tradition (Taube, Wasser der Taufe, Feuer). Alle drei sind jeweils selbst hinein genommen in einen Kreis, dem Symbol für Unendlichkeit, miteinander verbunden, ineinander übergehend, in eins seiend (in einem großen Kreis mit der Farbe des Himmels, blau): Bekenntnis zu dem einen Gott, der sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart, als Schöpfer, Erlöser und Vollender, als Gott über mir, Gott bei mir, Gott in mir. Eine Ikone als erzählte Geschichte von Gott, der seine Schöpfung nicht nur kreiert, sondern auch liebt und letztlich erlösen wird. Im großen Kreis steht mit syrischer Sprache untereinander geschrieben: Vater, Sohn, Heiliger Geist – ganz nach 2. Kor.13,13: „Die Gnade Gottes und der Friede unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen“.

Pfarrer Andreas Goetze

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