Pfarrer aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau schreiben hier über ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen aus dem Libanon. Sie halten sich dort vom 24. September bis 17. Dezember 2007 im Rahmen ihres Studienaufenthaltes an der Near East School of Theology in Beirut auf.

“Ein neuer Blick auf viele Dinge”: Ökumenischen Zusammenarbeit und christlich - islamischen Dialog

geistliche gespraech qandreas goetze grDer Aufenthalt von uns 5 Pfarrern aus der EKHN (der “Evang. Kirche in Hessen und Nassau”) neigt sich dem Ende zu. Am 14. Dezember besteigen wir, so Gott will, das Flugzeug Richtung Frankfurt. Eine intensive Zeit liegt hinter uns und die letzten Tage wollen wir noch geniesen. Von den vielfach anderen und neuen Perspektivem berichtet dieser Artikel.

1. Begegnungen mit den Kirchen des Mittleren Ostens als Herausforderung für uns
Durch den von Dr. Sabra, dem Dekan der “Near East School of Theology” (NEST) geleiteten Kurs “Contemporary Christian Churches” haben wir die Möglichkeit, die Vielfalt der mittelöstlichen Kirchen und ihre reiche Geschichte sowie ihr gegenwärtiges religiöses und spirituelles Leben kennen zu lernen. Mit unseren “westlichen Augen” haben wir uns daran gewöhnt, den Mittleren Osten als Teil der islamischen Welt zu betrachten. Die Gegenwart der Kirchen als kontinuierliche Zeugen eines lebendigen Glaubens rücken uns mit ihrem Leben, ihrer Kultur, ihrer Spiritualität nun näher und schärfen unseren Blick für eine christliche Welt, die uns wenig vertraut war. Jede der Kirchen führt ihren Ursprung auf die Zeit der Apostel zurück, und sie haben ihre christliche Identität allen religiösen und politischen Wirren zum Trotz über die Jahrhunderte bewahrt. Sich mit diesen Traditionen und Kulturen auseinanderzusetzen, eröffnet die Studienzeit an der NEST. Sie bietet uns eine einmalige Chance, das eigene kirchliche Leben mit samt seiner protestantisch geprägten Tradition zu überprüfen, die weltweite Kirche hautnah zu erleben und persönliche Freundschaften und Kontakte zwischen Orient und Okzident aufzubauen.

Verschiedene Weisen, Mönch zu sein
Besuche bei den Kirchen, über die wir im Kurs erfahren, lassen deutlich werden, dass wir uns nicht nur mit Kirchengeschichte beschäftigen. Wir besuchen auf zwei aufeinander folgenden Samstagen zwei Klöster: eines der maronitischen Kirche, das andere von der griechisch - orthodoxen Kirche. Beide Kirchen blicken auf eine Jahrhunderte lange Tradition zurück, die bis heute vor allem durch die Klöster und ihre Spiritualität geprägt worden sind. Interessant war es für uns, die zwei Weisen mönchischer Existenz so dicht hintereinander wahrnehmen zu können. Leben die Mönche nach der maronitischen Tradition als “Brüder und Schwestern in der Welt” und gründen Schulen, Sozialstationen etc., die in ihre Klöster integriert sind (”Ihre Arbeit ist Mission”), leben die Mönche nach griechisch - orthodoxer Tradition eher abgesondert von der Welt, manche sogar als Eremiten (Einsiedler). Sie pflegen die Gastfreundschaft und bieten Gästen Raum, aber sie gehen nicht in die Welt, um in ihr Dienst zu tun. Fragen nach unserem eigenen Verständnis vom Zusammenwirken von “beten und arbeiten” sind aufgekommen, ebenso nach den Wurzeln unserer eigenen Spiritualität.

kirche moschee tripoli qandreas goetze gr1400 Jahre Dialog belastet durch ungelöste politische Konflikte
Der griechisch - katholische (melkitische) Patriarch H.B. Gregorius III (Lutfi Laham), der früher als Generalvikar in Jerusalem tätig gewesen ist, empfängt uns freundlich und mit einem Lächeln auf Deutsch (er spricht sieben Sprachen fließend). Die Melkiten sind zwar mit Rom verbunden, widerstanden aber der “Latinisierung” und pflegen ihre über 1000 Jahre alte eigene syrische Liturgie bis heute. Gregorius III. geht es - wie allen christlichen Gesprächspartnern, denen wir begegnen - vor allem um die Stärkung der christlichen Präsens im Nahen und Mittleren Osten. Dass Christen gerade in dieser Region lebendig bleiben, sei wichtig für die ganze Welt: “Wenn wir hier im Dialog (mit den Muslimen) scheitern, hat der Dialog nirgendwo anders eine Chance”, ist seine Überzeugung. “Wir leben hier seit über 1400 Jahren zusammen. Das gilt es, aufrecht zu erhalten, um zu zeigen, dass es geht, dass wir im Alltag respektvoll zusammenleben können”.

Mit Sorge sieht er die politische Einflussnahme des Westens auf die Region, da sie die christliche Präsenz gefährde: Zuletzt der von den USA forcierte Irakkrieg sowie der anhaltende israelisch - palästinensische Konflikt seien die größten Belastungen besonders auch für die Christen. “Wie kann ein Staat wie Israel sagen, er wolle Frieden und jeden Tag weiter palästinensisches Land enteignen und Siedlungen bauen?” Wir werden aufgefordert, deutlicher für die Christen im Heiligen Land, im ganzen Nahen Osten Stellung zu beziehen - und das heißt auch, deutlicher über die menschenrechtsverletzende Politik des Staates Israel zu sprechen. Ohne Frieden und Stabilität in der Region würde die Auswanderungswelle nicht abnehmen. Dazu komme noch die Zunahme des islamischen Fundamentalismus. Durch den Irakkrieg sind die Extremisten wieder gewachsen “wie Pilze aus dem Boden”. Der “doppelte Standard” der UN sei ein unkalkulierbarer Nährboden für die Extremisten. Sanktionen und Krieg und Drohungen mit Krieg gegen arabische Länder, die gegen UN - Resolutionen verstoßen: sofort. Sanktionen und Einstellung von Geldzahlungen gegen den Staat Israel, der vielfach gegen UN - Resolutionen verstoßen hat und täglich verstößt: nie. Der Patriarch bringt die Gefühle der Menschen auf den Punkt: “‘Schaut, so sind sie, die Christen’, heißt es dann (klar: die UN ist nicht “christlich”, aber die Blockadepolitik vor allem der USA wird als “christliche Blockade” wahrgenommen) - das stimme wohl nicht, aber die einfachen Leute verstehen nicht viel von Politik und sind so schnell durch radikale Prediger in den Medien manipulierbar”.

Wir sind durch unsere Glaubensgeschwister herausgefordert: Äußerungen über den Mittleren Osten und insbesondere zum israelisch - palästinensischen Konflikt sollten sich stets bewusst sein, dass sie Auswirkungen haben auf die christlichen Minderheiten im Mittleren Osten. Zum einen steht eine theologische Auseinandersetzung mit dem so genannten “christlichen Zionismus” für die evangelische Kirche noch aus, um die politischen Implikationen dieser apokalyptischen Lehre zu verdeutlichen - auch gegenüber evangelikalen Gruppen. Zum anderen sollten wir davon sprechen, dass es kein “westlich” - islamischer” Konflikt ist - auch gegenüber jüdisch - israelischen Gesprächspartnern.

2. Der christlich - islamische Dialog
Unsere Erfahrungen der vierten Periode: Christlich - muslimische Begegnungen fanden auf ganz verschiedenen sehr vielfältigen Ebenen statt. Ein interreligiöses Treffen zu Fragen nach Frieden und Gerechtigkeit wurde von den Studierenden an der NEST organisiert und diskutierte auch über die Möglichkeiten des fairen Handels im Libanon.

Die Kurse “Islamische Theologie”, “Einführung in den Islam” sowie “Christlich - Muslimische Beziehungen” bringen sehr vertiefende Einblicke in das Selbstverständnis des Islam und die Weise islamischen Denkens und sind außerordentlich hilfreich für den Dialog mit Muslimen. Denn nur, wenn ich beginne, den anderen verstehen zu wollen und er es auch spürt, kann sich ein nachhaltiger Dialog entwickeln, der sich nicht nur auf den Austausch von Höflichkeiten oder der Darstellung der je eigenen Position beschränkt.

Viele der uns aus der christlichen Theologie- und Dogmengeschichte vertrauten Fragen sind ebenfalls in der islamischen Theologie diskutiert worden oder werden es immer noch. Wie kann ich von dem einen, transzendenten, unsichtbaren Gott in der sichtbaren Welt reden? Wie denken und glauben wir die Vermittlung von Gottes Wort? Wie hängen Glauben und Handeln zusammen? Wie kann ich von dem einen Gott reden, wenn ich - christlich gesprochen - von einem “präexistenten Logos, dem Sohn Gottes rede, oder wenn ich - muslimisch gesprochen - von den “Attributen” Gottes bzw. vom “präexistenten Wort Gottes” spreche? Wir haben uns schon daran gewöhnt, sofort auf unsere unterschiedlichen Antworten zu schauen als erst einmal gemeinsam zu entdecken, wie viele Fragestellungen uns verbinden. Dann würde auch der oftmals polemische bzw. apologetische Unterton der Äußerungen einem mehr respektvollen Miteinander weichen, weil man sich bewusst wird, dass man auf unterschiedliche Weise auf einem spirituellen Weg mit/ zu Gott unterwegs ist.

Ebenen des Dialogs
Wie Dialog und Koexistenz aufeinander zu beziehen sind, war Thema einer Konferenz im Rahmen eines Dialogtreffens von Christen und Muslimen während der Festtage zum 75. Gründungsjubiläum der NEST. Es sei Teil der Mission, so der Dekan der NEST, Dr. Sabra, in seinem Eingangsstatement, Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammenzubringen, um Beziehungen aufzubauen, die auf Vertrauen gründeten. Zwei generelle Hauptlinien unterscheidet Dr. Sabra: den “Dialog des Lebens” und den “Dialog der Wahrheit” (dialogue of life and dialogue of truth). Beide seien wichtig, beide seien aufeinander zu beziehen. Dreigeteilt sieht Dr. Sabra den “Dialog des Lebens”: zum einen finde er im Alltag statt, im Leben miteinander in der Schule, am Arbeitsplatz, es seien die nichtreflektierten täglichen Begegnungen, die einfach seit Jahrhunderten passieren und nicht zu überschätzen seien. Zum anderen wird gemeinsam als Bürger eines Staates über Themen reflektiert, die alle angehen: Bürgerschaft, Frieden und Gerechtigkeit. Schließlich finde dieser Dialog auf der Ebene der Politik statt. Durch den verfassungsgemäßen Konfessionalismus teilen sich im Libanon die Religionen die Macht, so dass regelmäßig Gespräche zwischen Christen und Muslimen, aber auch innerhalb der Konfessionen stattfinden. Diese Ebene des “Dialogs des Lebens” sei die explosivste Form von Dialog. Manchmal werde Macht geteilt, zumeist aber um Macht gekämpft.

Der “Dialog der Wahrheit”, der seinen besonderen Platz an der NEST hat, sei ein Dialog über religiöse und dogmatische Thesen - ein wichtiger, wenn auch schwieriger Dialog. Er aber stelle die Basis dar für alle Dialogformen des Lebens, denn in ihm kommen die Grundlagen auf den Tisch, die jede Glaubensgemeinschaft prägen.

Gegen das “Blockdenken”
Dass der Dialog zurzeit nicht “auf einem einfachen Weg sei”, bemerkte ein schiitischer Muslim bei diesem Austausch. “Wir haben als Muslime unsere eigenen Auseinandersetzungen über das, was ‚Islam’ heute bedeutet. Die Islamisten sind dabei Teil unserer Gesellschaften; Teil unserer Auseinandersetzungen um das richtige Verständnis vom Islam. Ihr eigentliches Ziel ist die islamische Gesellschaft, der Westen spielt nur eine untergeordnete Rolle.”

Menschen, die sich im Dialog engagieren, werden derzeit unter Christen wie Muslimen eher argwöhnisch betrachtet, da Offenheit wie Selbstkritik der Tendenz zuwiderläuft, dass jede Gruppierung ihr Profil zu schärfen sucht. Oder wie es ein sunnitischer Gesprächspartner durchaus selbstkritisch bemerkte: “Viele der im Dialog Engagierten sind über die Jahre konservativer geworden, weniger offen, mehr reserviert, mehr auf sich bezogen”. Auch an der NEST erfahren wir einiges von stereotypen Bildern über Muslime. Das “Blockdenken” hat wieder zugenommen, bei dem eine vielgestaltige Realität auf zwei Arten zu einer unauflöslichen Einheit verschmolzen wird. Erstens werden unterschiedliche Ausprägungen der Frömmigkeit oder Kultur des Islam lediglich als alternative Möglichkeiten gesehen, ein und dieselbe zentrale Botschaft auszudrücken. Zweitens wird angenommen, dass alle Muslime hinter dieser zentralen Botschaft stünden. (Die Möglichkeit, dass ein Mädchen mit einem Kopftuch in Wahrheit gegen ihre Eltern und deren “bloß traditionalistische Auslegung” des Islam rebelliert und dass andere, die sie sich gegen Geschlechterdiskriminierung und Gewalt empören, sehr wohl streng gläubig Kopftuch tragen können, wird nicht in Betracht gezogen).

Wir erleben bei unserem Aufenthalt nicht nur, wie vielfältig der christliche Glaube sich in den unterschiedlichen Kirchen des Mittleren Ostens darstellt. Wir erleben ein breites Spektrum von Varianten im Islam, ähnlich weit und bunt wie im Christentum. Und ähnlich mit inneren Spannungen belastet wie oft Verhältnisse zwischen mehr “bibeltreuen Christen” und “liberalen”. Es würde einen großer Fortschritt bedeuten, wenn wir unseren internen Dialog über unser Verständnis des Glaubens vor den anderen führen würden und nicht den (falschen) Eindruck erweckten, selbst “ein Block” zu sein.

“Blockdenken” hält sich teilweise deshalb so hartnäckig, weil Kritiker der Denkweise auf der einen Seite die Kritiker auf der anderen Seite nicht kennen (wollen): “Also, wo sind sie denn, die Muslime, die den extremistischen Islam kritisieren?” Nun, mindestens im Libanon, denn hier haben wir einige kennen gelernt.

“Blockdenken” ist ein altes Phänomen, heute aber ein durchaus explosives Potential, denn Menschen mit dieser Denkweise sind die ersten, die die Welt im Sinne Samuel Huntingtons Theorie als “Kampf der Kulturen” sehen. Das von 138 muslimischen Führern aus der gesamtem islamischen Welt unterzeichnete und an die christliche Welt adressierte “common word” ist in dieser Hinsicht ein zu begrüßender Schritt raus aus den festgefahrenen Schubladen, in die wir uns vielfach hineinmanövriert haben (wofür die letzte Handreichung der EKD “Klarheit und gute Nachbarschaft” ein anschauliches Beispiel ist): Es ruft Muslime wie Christen auf, gemeinsame Grundlagen zu entdecken und sich weltweit für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.

Sich wieder mehr des eigenen Glaubens bewusst werden
Auch der melkitische Patriarch Gregorius III. ist leidenschaftlich im Dialog engagiert, doch liegt ihm weniger an Diskussionen über Dogmen als viel mehr daran, wechselseitig Vertrauen aufzubauen. “Wir sollten nicht so tun, als könne jeder Gott erklären. Unsere Trinität ist wie ihr ‚Allah u´akbar’ ein Mysterium, ein Geheimnis. Man solle das nicht definieren, sondern dem anderen Raum geben, davon zu erzählen”. Es gelte, den Glauben gemeinsam zu bewahren als Christen und Muslime, nicht einfach nur zu sagen: “Ich - und da der andere”. Es sei ganz einfach, Menschen zu trennen, doch Brückenbauer seien heute gefragt.

Damit aber Christen im Dialog von ihrem Glauben erzählen können, sieht er als eines seiner wichtigsten Aufgaben als Patriarch, den Glauben, den die Kirche über Jahrhunderte durchgetragen hat, weiterzugeben. “Gott ist die Liebe, aber unsere Gläubigen haben oft nur Hass über Muslime im Herzen. Wir sind noch nicht Christen, wir müssen erst noch Christen werden.” Er setzt auf Erwachsenenkatechese und den Dialog mit der Jugend.

Und im Blick auf Europa sagt er unmissverständlich: “Die Antwort Europas kann nur der Glaube sein. Europa muss seine Wurzeln kennen. Die Leute wissen ja nicht über ihren Glauben Bescheid. Da steht mitten in München eine große Marienstatue und die Leute gehen achtlos an ihr vorüber. Das verwundert Muslime wie Christen, die nach Europa kommen”. Wir sind herausgefordert, uns der Frage zu stellen: Wie sieht es bei uns mit “der Sichtbarkeit von Religion aus”? Gibt es bei uns Religion und Glauben nur im privaten Zimmer? Wie gestalten wir wahrnehmbar unseren Glauben im öffentlichen Raum auf der Grundlage der Religionsfreiheit als allgemeines Menschenrecht?

In der islamischen Welt werden die Themen mehr in religiös-rechtlichen Kategorien zum Ausdruck gebracht - unbeschadet der Tatsache, dass es dort auch säkularistisch denkende Bewegungen und Menschen gibt. Die westliche Welt orientiert sich eher an weltlich-sozialen Begriffen - ungeachtet der religiös-fundamentalistisch argumentierenden Bewegungen und Menschen. “Dieses auf beiden Seiten bestehende erkenntnistheoretische Problem lässt sich nur durch ständige vergleichende Befundsbeschreibungen und -analysen lösen. Dazu kann der Libanon aufgrund seiner exponierten Stellung “zwischen Orient und Okzident” einen wichtigen Beitrag leisten, auch wenn sein Modell des Konfessionalismus für Europa keine Alternative darstellt.

3. Zivilgesellschaft
In Tyre (Tyros) im Süden des Landes besuchen wir eine private Behindertenschule mit integrierter Bäckerei und lernen ein engagiertes Team kennen, das sich Kindern annimmt, die in der Gesellschaft keine Akzeptanz haben. Dank eigener Beharrlichkeit und internationaler (auch deutscher) Hilfe konnte dieses Zentrum aufgebaut werden und beweist nicht zuletzt durch sein gutes Brot, dass behinderte Menschen etwas leisten können. Seit der Gründung des Behindertenzentrums vor gut sechs Jahren wuchs stetig die Anerkennung, was auch den 115 Kindern, die gefördert werden, zugute kommt.

Viele solcher NGO ´s bauen mit an Libanons Zivilgesellschaft. Ohne ihr Engagement, das vielfach Christen und Muslime zusammenbringt, wäre das konfessionalistische System weitaus fragiler als es schon ist. Es zeigt auch, dass bei einer zurückgehenden Mittelschicht die sozialen und damit die politischen Spannungen zunehmen. Den Prozess der Auswanderung gebildeter junger Menschen wenigstens verlangsamen, am besten sogar stoppen zu können, wäre für die die Stabilität des Libanon fördernd.

4. 75. Jahre NEST - ein besonderes Jubiläum
75 Jahre besteht die “Near East School of Theology” - Anlass genug, ein Jubiläumsfest auszurichten mit einer akademischen Feier in der Kirche, einem Dialogforum und zwei Abendvorträgen zu neutestamentlichen Themen. Zwei Grundlagen zeichnen die Arbeit der NEST von Anbeginn aus, die mit den Gründungskirchen zusammenhängen. Für die beiden amerikanischen Gründungskirchen “United Church of Christ” (UCC - ist auch Partnerkirche der EKHN!) und die presbyterianische Kirche stand die Ausbildung “als Diener Christi” durch Bibelarbeit, Lehre und Predigt im Vordergrund, für die armenisch - evangelische Kirche die geistig geistliche Auseinandersetzung auf hohem intellektuellem Niveau. Beides prägt die NEST bis heute: der akademischer Lehrbetrieb ist verbunden mit einer geistlichen Gemeinschaft, Studium mit gemeinsamem Leben und täglichen Andachten. Nicht abgehoben, stets in persönlichem Kontakt zu den Lehrenden, mitgetragen in der Gemeinschaft der Studieren über alle kulturellen und religiösen Irritationen hinweg, lassen sich auch schwierige Situationen (in persönlichen Krisen, wenn die Arbeit einer/m zu viel zu werden droht etc.) zusammen überwinden - auch eine gute Einübung für den Dienst in den Gemeinden.

Es gilt die Kompetenzen vor Ort auch für die Zukunft zu sichern und bleibend zu erhalten. Mit ihrer Verbindung von Theologie und Spiritualität sowie durch ihre zahlreichen Außenkontake zu christlichen Konfessionen und zu muslimischen Gesprächspartnern bietet die NEST einen im Mittleren Osten einmaligen Ort. Durch die Kurse in islamischer Theologie und dem Kurs zu den gegenwärtigen Kirchen im Mittleren Osten können wir aus eigenem Erleben sagen: Die Entwicklung hin zu einer internationalen Hochschule, die sich verstärkt dem innerchristlichen Dialog (westliche und mittelöstliche Kirchen) sowie dem christlich - islamischen Dialog widmet, ist eine zukunftsweisende Perspektive.

goetze arbeien nest gr5. Vielfältige Eindrücke in kurzer Zeit
Vielfältig und erlebnisreich ist für uns fünf Pfarrer der EKHN der Alltag neben den Kursen, den eigenen Studien, dem Lesen in der Bibliothek, den gemeinsamen Mahlzeiten und dem Kaffee auf der Terrasse nach dem Mittagessen: Geburtstagsfeiern an NEST; Konzertbesuche in St. Joseph, bei denen alle vierzehn Tage das “Nationale Symphonieorchester” des Libanon beeindruckende Vorstellungen gibt, gemeinsame Volleyballspiele mit dem Höhepunkt eines Spieles “students against faculty and pastors” (das die Studenten nach fünf hart umkämpften Sätzen im letzten Satz mit 25:23 gewannen); der Filmabend zum fortschreitenden Mauerbau in Palästina mit anschließender Diskussion, die die alltäglichen Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten deutlich werden ließ; das “Thanksgiving - Fest” bei Dr. Mary; der Beirut - Marathon, an dem zwei “NEST`ler” (eine amerikanische Studentin und ein deutscher Pfarrer) erfolgreich teilnahmen und das im übrigen wie ein großes Straßenfest gefeiert wurde; der täglich mehrfach zu hörende Muezzinruf; das Hupen der Autos; ein open -air - Konzert der studentischen Protestgruppe “chralas!” (meint einfach: “stopp it!”), die genug hat vom ganzen Politikergezerre und zur Lösungsfindung aufruft; der im November auf dem Libanongebirge gefallene Schnee… . Die Eindrücke brauchen erst ´mal Zeit zur Verarbeitung. Vieles lässt uns fragender zurück als wir ahnen.

6. Ausblick
Libanon ist reich, reich an kultureller wie religiöser Vielfalt, wie ein wunderschönes Mosaik. Es ist schneller zerstört als wieder zusammengesetzt. Wie lässt es sich erhalten? Eine leise Hoffnung entsteht durch beharrlichen Glauben und Entschlossenheit. Es geht darum, den entscheidenden Unterschied zu machen. Oder wie es ein Christ mir gegenüber zum Ausdruck brachte: “Vielfach sitzt unser Feind in unserem eigenen Kopf und unserem entstelltem Gewissen. Nur wenn wir uns gegenseitig akzeptieren, können wir den Menschen Hoffnung schenken. Nur dann würden wir aufhören, überall Terror zu verbreiten und dort Kriege zu führen, wo wir noch nicht einmal wissen, wo sich der Feind aufhalten könnte. Gewalt und Explosionen sind zerstörerisch, aber Demut und Liebe schlagen tiefe Wurzeln im Herzen der Menschen, die guten Willens sind.”

von Andreas Goetze/ 5. Dezember 2007, Beirut

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