Pfarrer aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau schreiben hier über ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen aus dem Libanon. Sie halten sich dort vom 24. September bis 17. Dezember 2007 im Rahmen ihres Studienaufenthaltes an der Near East School of Theology in Beirut auf.

Die eigene Wahrheit leben, ohne andere Wahrheiten besiegen zu wollen

Liebe Leserinnen und Leser,

kirche moschee qbernd apel a grunsere letzte Woche hier und damit auch mein letzter Bericht - so ganz gewöhnen kann ich mich noch nicht an die Vorstellung am kommenden Freitagabend um 22.00 Uhr im (wahrscheinlich) kalten Frankfurt zu landen. Aber natürlich freuen wir 5 uns alle auch auf unsere Familien zuhause und ein gemeinsames Weihnachten.
Obwohl bis zum Schluss noch Begegnungen und Veranstaltungen auf unserem Plan stehen - so haben wir am vergangenen Donnerstag einen Nikolaus-Abend für die NEST-Gemeinde veranstaltet, waren am Freitag zu Gast im hiesigen Orient-Institut oder werden am kommen-den Mittwoch eine Podiumsdiskussion zum Beitrag der Religionen für den Frieden im Liba-non miterleben - möchte ich einen persönlichen Abschied schreiben statt eines speziellen Berichts:

Lebensmut trotz der Zerrissenheit des Landes
Nach 11 ½ Wochen hier habe ich den Libanon und Beirut ins Herz geschlossen. Bei allen Verrücktheiten und Ungereimtheiten des Lebens hier, von der immer wieder verschobenen Präsidentenwahl über den täglichen Umweltschlendrian oder der Unfähigkeit der Taxifahrer sich in ihrer eigenen Stadt zurechtzufinden: dieses Land hat gegen alle Zerrissenheiten und Widersprüche unsere Solidarität und unsere Unterstützung beim Weg in die Zukunft verdient. Wir Pfarrer aus dem viel stabileren und reicheren Deutschland spürten bei seinen Menschen in ihren oft sehr einfachen Lebensumständen immer wieder Optimismus und Lebensmut oder zumindest die Gelassenheit “Inschallah” - so Gott will.

nest gemeinde qbernd apel gr

Sehnsucht nach Würde und Selbstbestimmung vereint die Menschen
Insofern war die Zeit hier einschließlich unseres Lernens an der NEST auch eine geistliche Erfahrung. Wir haben in diesem Mikrokosmos des Religions-, Kultur und Völkergemischs des 21. Jahrhunderts (unter ande-rem) Christen und Muslime - Protestanten wie Anglikaner, Schiiten wie Sunniten - getroffen, die miteinander leben wollen jenseits der Frontparolen oder Grenzziehungen ihrer politischen oder geistlichen Führer. Wir sind Menschen begegnet, die ihre Religiosität authentisch begründen können und solchen, die sie naiv und selbstverständlich leben. Und hinter allem spürten wir die gleiche Sehnsucht nach Würde und Selbstbestimmung, die Menschen in Europa umtreibt. Warum also sollte ein Dialog nicht möglich sein?

Begegnung lohnt sich
Das Studienprogramm hier im Libanon war somit wohl zuerst eine persönliche Bereicherung. Aber es wird auch inhaltlich in meinen Berufsalltag in Deutschland eingehen. Das Erlebte umzusetzen wird ein Prozess sein, der nicht in einzelnen Bildvorträgen oder Themenabenden zu messen sein wird. Ich nehme von hier in erster Linie die bestärkte Überzeugung mit, dass die oft so mühevolle (und zuweilen auch belächelte) Arbeit am Dialog der Kulturen und Religionen - der hier oft ganz andere Strukturen und auch zuweilen mehr Grenzen hat als bei uns! - sich lohnt, dass Menschen ganz unterschiedlicher Hintergründe sich auf Augenhöhe begegnen und trotz aller Differenzen verständigen können.

karte libanon syr qbernd apel grWahrheit leben, ohne andere damit zu übertrumpfen
Zum Advent habe ich hier eine Andacht gehalten über das so genannte Gleichnis von den “Arbeitern im Weinberg” (Matth. 20,1-16) des Neuen Testaments. In ihm lässt Jesus offen, wem (welchen Menschen, welchem Volk, welcher Religion?) Gottes Heil zukommen wird. Ich habe diesen christlichen Text in Beziehung gesetzt zu einem “Hadith” (einer mündlichen Überlieferung, die im Islam neben dem Koran Lehrautorität hat). In ihm wird das - den Muslimen ja bekannte - Gleichnis umgestaltet zu einem Heilsvorrang der Muslime vor den Juden und den Christen, die ihrerseits wiederum viele Jahrhunderte geglaubt und gehandelt hatten, als seien sie erwählter als ihre Vorgänger. Mit anderen Worten: meine eigene Wahrheit gewiss zu leben, ohne andere Wahrheiten übertrumpfen oder “besiegen” zu müssen, scheint mir im Jahr 2007 geboten. Dies hieße erkennbar und zugleich voller Respekt christliche Theologie zu betreiben im Angesicht der anderen Religion(en).

Es grüsst und meldet sich ab aus Beirut
Pfarrer Bernd Apel

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